Kontinuier­liche Aufarbeitung

Die Forschungs­fortschritte im Projekt NS-"Euthanasie" in Erlangen

Akten der Patientinnen und Patienten aus der Psychiatrischen Universitätsklinik Erlangen, heute im Universitätsarchiv der FAU Erlangen-Nürnberg (Universitätsarchiv Erlangen/UAE)

Das am 1. Oktober 2019 gestartete Projekt NS-"Euthanasie" in Erlangen – "T4"-Aktion und "B-Kost" wird als Kooperations­projekt des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der FAU mit dem Stadtarchiv Erlangen für zwei Jahre aus Mitteln der Stadt Erlangen, des Universitätsklinikums Erlangen, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, des Bezirks Mittelfranken und der Bezirkskliniken Mittelfranken gefördert.

Die Projektleitung auf Seite der Medizingeschichte liegt bei Prof. Dr. Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der FAU Erlangen-Nürnberg. Für die Laufzeit des Projektes wurden als Bearbeiterinnen Dr. Sabrina Hartl bzw. Michèle Fink M.A., Dr. Susanne Ude-Koeller und Marion Voggenreiter M.A. eingestellt. Dem Projekt vorausgegangen war ein Pilotprojekt, das von der Staedtler Stiftung 2015 für 6 Monate gefördert wurde (0,5 Stelle). Die Projektleitung auf der Seite des Stadtarchivs liegt bei Dr. Andreas Jakob, Leiter des Stadtarchivs. Bearbeiterin ist die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dorothea Rettig M.A.

Zwischen­ergebnisse und Fortschritte im Projektteil des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin

(Stand Juni 2020)

  • Integration der im Pilotprojekt ausgewerteten 300 Krankenakten von "T4"-Opfern in das Forschungsdesign
  • Ermittlung der Transport- und "Krankenbewegungen" im Zeitraum 1939 bis 1945
  • Ermittlung der 1.150 Patientennamen von 25 der insgesamt 28 Transporte aus den Abgabeanstalten nach Erlangen (auf der Basis der an das Staatsarchiv Nürnberg abgegebenen Krankenakten) zur Identifikation möglicher Opfer von "Hungerkost" und gezielter Vernachlässigung. Darüber hinaus konnten auf diese Weise ca. 372 der insgesamt 908 "T4"-Opfer namentlich den einzelnen Transporten zugeordnet werden
  • Ermittlung von 288 Namen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie Displaced Persons in der Heil- und Pflegeanstalt und der Psychiatrischen Universitätsklinik
  • Erfassung der Kinder, die in der Heil- und Pflegeanstalt waren und Beginn der Auswertung ihrer Krankenakten
  • Ermittlung derjenigen Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt / Psychiatrischen Universitätsklinik, die in der Pathologie seziert wurden
  • Begonnene Durchsicht von ca. 2.700 Psychiatrieakten hinsichtlich des Verdachtes auf gezielte Verlegung in die Heil- und Pflegeanstalt im Rahmen der "T4" Aktion bzw. des regionalen Hungersterbens
  • Durchsicht und teilweise Auswertung der umfangreichen Prozessüberlieferung des "Einsle-Prozesses" und der Entnazifizierungsverfahren gegen die Anstaltsdirektoren Wilhelm Einsle und Hermann Müller
  • Umfassende Forschungen zu Gustav Kolb, dem Anstaltsdirektor von 1911-1934, im Rahmen der strukturierten Promotion von Robert Davidson zum Thema: "Gustav Kolb und die Reformpsychiatrie in Erlangen"

Zwischen­ergebnisse und Fortschritte im Projektteil des Stadtarchivs

(Stand Juni 2020)

  • Identifikation und begonnene Auswertung der relevanten Quellen im Stadtarchiv: auf Grund der Beständestruktur verteilt sich das Material auf eine Vielzahl von Beständegruppen (Standesamt, Einwohner­meldeamt, Friedhofsamt, Ernährungsamt, Jugendamt, Ordnungsamt, Personalamt, Polizeiamt, Hauptregistratur, Sammlungsbestände, Nachlässe)
  • Auswertung der standesamtlichen Überlieferung zu den in der Heil- und Pflegeanstalt zwischen 1933 und 1945 verstorbenen Patientinnen und Patienten (Ergebnis: 2434 Namen)
  • Auswertung der Grab- und Bestattungsbücher des städtischen Zentralfriedhofs und des Altstädter Friedhofs für die 2434 Patientinnen und Patienten (nach jetzigem Stand fehlt für ca. 42 % ein Nachweis über den Bestattungsort)
  • Auswertung der ca. 16.400 alphabetisch sortierten Meldekarten des Einwohnermeldeamtes (Laufzeit 1914–1968) auf in der Heil- und Pflegeanstalt gemeldete Patientinnen und Patienten (Auswertung ist noch nicht abgeschlossen)
  • Identifikation der Akteure auf städtischer Seite
  • Ermittlung der relevanten Quellen im Landeskirchlichen Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und im Archiv des Erzbistums Bamberg (Auswertung steht noch aus)
  • Ermittlung der relevanten Quellen im Stadtarchiv Nürnberg (Oberbürgermeister Willy Liebel war zeitgleich Kreistagspräsident)
  • Fortführung von Zeitzeugengesprächen
  • Akquise von Material (Ankauf Fotobestand Sigling)
  • Fotodokumentation Schwabachanlage 10