Die erste bayerische "Kreis-Irren-Anstalt"

Von der Gründung bis 1933

Ausschnitt aus dem Stahlstich "Erinnerungen an Erlangen und seine Umgebung" von 1843 (StadtAE VI.L.a.1)

Als Initiator der Erlanger "Kreis-Irren-Anstalt" gilt der Professor für Theoretische Medizin, Johann Michael Leupoldt (1794–1874). Leupoldt, von der Notwendigkeit eines eigenen psychiatrischen Krankenhauses in Erlangen überzeugt, hielt 1818 die ersten psychiatrischen Vorlesungen an der Universität Erlangen.

Um sich einen Überblick über die Situation des häufig desolaten "Irrenwesens" zu schaffen, besuchte Leupoldt während des Wintersemesters 1820/21 zahlreiche Irrenanstalten. Viele Anstalten schienen ihm "oft mehr geeignet, Irre zu machen, als solche zu heilen".1

Die Grundstein­legung

Im Jahr 1834 schließlich wurde der Grundstein für die Heil- und Pflegeanstalt Erlangen gelegt. Der Bau dauerte insgesamt zwölf Jahre. Bei ihrer Eröffnung 1846 war die Einrichtung die erste bayerische Klinik für psychisch Kranke und Menschen mit geistiger Behinderung. Allerdings wurde nicht Leupoldt selbst, sondern sein Schüler K. A. von Solbrig (1809–1872) erster Direktor.

Lageplan der Heil- und Pflegeanstalt von 1868 (StadtAE 6.A.156)

Die Anstalt war nach einem bestimmten Muster errichtet worden: dem sogenannten "panoptischen (d. h. alles überblickenden) System", dessen spezielle Bauweise mit kreuzförmig um ein Zentrum angeordneten Gebäudekomplexen ihre Sichtkontrolle von einem einzigen Punkt aus ermöglichen sollte. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden jedoch zahlreiche Erweiterungsbauten innerhalb der Anlage notwendig. Das ursprünglich "panoptische System" verwandelte sich in eine überaus verschachtelte Großanlage.

Erweiterung durch Gründung der Psychia­trischen Klinik

Zur Heil- und Pflegeanstalt kam seit 1903 eine weitere Einrichtung zur Betreuung psychisch kranker Menschen hinzu: die Psychiatrische Universitätsklinik unter der Leitung von Gustav Specht (1860–1940). Specht war 1885 als Assistenzarzt an die "Kreisirrenanstalt" gekommen, zu dieser Zeit galt sie bereits als eine der größten einschlägigen Einrichtungen Deutschlands. 1897 wurde Specht, inzwischen Oberarzt, zum außerordentlichen Professor ernannt.

Visitformatfotografie von Gustav Specht, ohne Jahr (StadtAE V.E.b.273)

Als 1901 das neue Fach "Irrenheilkunde" für den akademischen Unterricht der Medizinstudierenden verpflichtend wurde, fehlte der Universität allerdings das Geld für den Bau einer psychiatrischen Klinik. Specht, für den akademischen Unterricht zuständig, schlug vor, statt eines Neubaus zwei Geschosse eines (bis heute) an der Schwabach gelegenen Gebäudetraktes der Anstalt zur Einrichtung einer Universitäts-Nervenklinik zu nutzen. Am 1. Oktober 1903 wurde Specht zum ersten ordentlichen Professor der Psychiatrie und Direktor der neuen Psychiatrischen Klinik in Erlangen berufen, nach den 1853 bzw. 1893 gegründeten Psychiatrischen Universitätskliniken in München und Würzburg die dritte in Bayern.

Das "Erlanger Modell"

Während Specht erfolgreich die Universitätspsychiatrie ausbaute, entstanden unter der Leitung des Psychiaters Gustav Kolb (1870–1938) auch für die Heil- und Pflegeanstalt moderne Konzepte. Kolb, ab 1911 Direktor der Heil- und Pflegeanstalt, setzte sich dafür ein, Patientinnen und Patienten möglichst frühzeitig nach Hause zu entlassen, um sie dort in ihrem gewohnten Umfeld von Fürsorgeärztinnen und - ärzten und Fürsorgepflegerinnen und - pfleger ambulant betreuten zu lassen. Diese "offene Fürsorge" fand im Zuge der sogenannten "Reformpsychiatrie" unter dem Namen "Erlanger Modell" deutschlandweit viele Nachahmer.

Zeitungsartikel anlässlich der Inruhestandsversetzung von Gustav Kolb aus dem Erlanger Tagblatt vom 8. Februar 1934 (aus StadtAE III.42.K.1)

Die Amtszeit von Kolb endete 1933/34. Wenngleich eugenischem Gedankengut der Weimarer Republik zumindest teilweise zugeneigt, hatte er sich – wie auch Specht – in Theorie und Praxis für einen vorurteilsfreieren Blick auf das Fach und seine Patientinnen und Patienten eingesetzt.2

Erfahren Sie mehr über die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt

  1. Lungershausen, Eberhard/Baer, Rolf (Hg.): Psychiatrie in Erlangen. Festschrift zur Eröffnung des Neubaues der Psychiatrischen Universitätsklinik, Erlangen 1985, S. 10.
  2. Eine im Rahmen des Projekts NS-"Euthanasie" in Erlangen angesiedelte Dissertation von Robert Davidson beleuchtet gegenwärtig die reformpsychiatrische Tätigkeit des Erlanger Anstaltsdirektors Gustav Kolb (1870-1938) mit besonderem Fokus auf dessen Konzept der offenen Fürsorge in umfassender Weise. Dabei werden von der Forschung zu Gustav Kolb und der Erlanger Reformpsychiatrie bislang unberücksichtigte Quellen, beispielsweise eine Vielzahl amtlicher wie privater Schriftzeugnisse, sowie auch Material aus Kranken- und Verwaltungsakten, analysiert und ausgewertet. Anhand der Korrespondenzen Kolbs mit führenden Vertretern der psychiatrischen Fachwelt, darunter Ernst Rüdin, dem einflussreichsten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Rassenhygiene während der NS-Zeit, wird die Annäherung der Erlanger Reformpsychiatrie an die erbbiologische Forschung und psychiatrische Eugenik nachvollziehbar. Die weitere Entwicklung der Heil- und Pflegeanstalt im Laufe der 1930er Jahre wird durch das Dissertationsprojekt in ihren historischen Kontext eingebettet.