Opfer, Täter, Mitwisser

Aktueller Forschungs­stand zu den NS-Kranken­morden in Erlangen

Hinter vergitterten Fenstern, 2020, Fotograf: Erich Malter (StadtAE ohne Signatur)

Die Erforschung der nationalsozialistischen Medizinverbrechen gehört seit Jahren zu den in Forschung und Lehre vertretenen Schwerpunkten des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin. Das Thema "Euthanasie"in Erlangen wurden in den Publikationen zur 200-jährigen Geschichte des Universitätsklinikums Erlangen1 und zur 275-jährigen Geschichte der Medizinischen Fakultät der FAU2 in mehreren Beiträgen umfangreich abgehandelt.

Für die interessierte Öffentlichkeit berichtete eine von den Projektmitarbeiterinnen verfasste Artikelserie in den Erlanger Nachrichten über laufende Forschungsergebnisse zur Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt in der NS- und unmittelbaren Nachkriegszeit.3

"Euthanasie" im National­sozialismus

Die Gemeinnützige Krankentransport GmbH (GeKrat) war eine Tarnorganisation der T4-Zentraldienststelle und zuständig für die Transporte der Kranken in die Zwischen- bzw. Tötungsanstalten (StadtAE ohne Signatur)

In den Heil- und Pflegeanstalten des deutschen Machtbereiches wurden zwischen 1939 und 1945 insgesamt ca. 300.000 geistig behinderte und psychisch kranke Menschen ermordet.4 Zu den frühesten Opfern zählten die ermordeten Psychiatriepatientinnen und -patienten im besetzten Polen.5 An der Organisation und Durchführung der "Aktion T4", der zwischen 1940 und 1941 reichsweit 70.000 Anstaltspatientinnen und -patienten zum Opfer fielen, waren neben führenden Vertretern der Kanzlei des Führers vor allem psychiatrische Gutachter beteiligt.

Geplant von der "Euthanasie-Zentraldienststelle" in der Berliner Tiergartenstraße 4, oblag die Ermordung selbst dem ärztlichen Personal der insgesamt sechs verschiedenen Gasmordanstalten.6

"Aktion T4"

Blick in die ehemalige Gaskammer in Schloss Hartheim, heute ein Teil der Gedenkstätte, Fotograf: Andreas Jakob

In den bayerischen Heil- und Pflegeanstalten lebten Anfang 1940 13.385 Patientinnen und Patienten. Vom 18. Januar 1940 bis zum 8. August 1941 wurden 7686 von ihnen in die Tötungsanstalten Sonnenstein, Hartheim und Grafeneck gebracht und dort durch Gas ermordet. Dabei wurden 3525 (44,9 % aller bayerischen Patientinnen und Patienten) von den Heil- und Pflegeanstalten Erlangen, Eglfing-Haar und Kaufbeuren aus in die Tötungsanstalten verlegt.

Von den zwischen dem 1. November 1940 und dem 24. Juni 1941 aus Erlangen nach Sonnenstein und Hartheim verlegten 908 Kranken, stammten 531 direkt aus der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt – viele von ihnen waren länger als 5 Jahre in Erlangen untergebracht – die anderen Patientinnen und  Patienten kamen aus den zwischenzeitlich aufgelösten karitativen Pflegeanstalten nach Erlangen, um von dort kurze Zeit später in die Tötungsanstalten weiterverlegt zu werden.7

Hunger und gezielte Vernach­lässigung

Eine bei der Räumung 1978 übriggebliebene Schaumkelle aus der Küche, Fotograf: Peter Sigling (StadtAE VI.Z.b.6265)

Nach Einstellung der "Aktion T4" im August 1941 folgte eine als regional zu bezeichnende Phase der Krankenmorde: Bis Kriegsende starben im Reichsgebiet Anstaltspatientinnen und -patienten in verstärktem Maße durch Medikamente und Hunger. Mit dem "Hungererlaß" des Bayerischen Staatsministeriums Ende 1942 wurde die vom Leiter der Psychiatrie in Kaufbeuren, Valentin Faltlhauser, bereits seit einiger Zeit eingeführte fettlose Sonderkost auf alle bayerischen Heil- und Pflegeanstalten ausgeweitet und somit zum systematisch angewendeten Tötungsmittel im Rahmen der NS-Vernichtungspolitik.8

Vom Vernichtungswillen besonders betroffen waren die arbeitsunfähigen und "störenden" Kranken, die man zuvorderst durch bewussten Nahrungsentzug auf den Sonderstationen (Hungerhäuser) tötete.

Etwa 1000 Erlanger Anstaltspatientinnen und -patienten starben an Hunger und gezielter Vernachlässigung.

  1. Karl-Heinz Leven / Andreas Plöger (Hgg.): 200 Jahre Universitätsklinikum Erlangen, 1815–2015, Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2016.
  2. Karl-Heinz Leven / Philipp Rauh / Susanne Ude-Koeller / Andreas Thum Andreas (Hgg.): Die Medizinische Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Kontext-Köpfe-Kontroversen (1743–2018), Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2018.
  3. EN 15. Juni 2020: Die Mauer des Schweigens; EN 6. Juli 2020 "... wir waren nicht daran beteiligt", EN 12. August 2020: "Die verleugneten Todesopfer"; EN 22. August 2020: Hinter hohen Anstaltsmauern; EN 16. September 2020 "Sterbeurkunden wurden gefälscht".
  4. Ernst Klee: "Euthanasie" im Dritten Reich. Die "Vernichtung lebensunwerten Lebens", 3. Auflage, Frankfurt am Main 2018; Walter Schmuhl: "Euthanasie" und Krankenmord, in: Robert Jütte / Wolfgang U. Eckart / Hans-Walter Schmuhl / Winfried Süß: Medizin und Nationalsozialismus. Bilanz und Perspektiven der Forschung, Göttingen 2011, S. 214–255. Zur "Aktion T4" vgl. Gerrit Hohendorf / Maike Rotzoll / Paul Richter / Wolfgang U. Eckart / Christoph Mundt: Die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie-Aktion T4". Erste Ergebnisse eines Projektes zur Erschließung von Krankenakten getöteter Patienten im Bundesarchiv Berlin, in: Der Nervenarzt 73 (2002), S. 1065–1074; Petra Fuchs / Maike Rotzoll / Ulrich Müller / Paul Richter / Gerrit Hohendorf (Hgg.): "Das Vergessen der Vernichtung ist ein Teil der Vernichtung selbst". Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen "Euthanasie", Göttingen 2007; Maike Rotzoll / Gerrit Hohendorf / Petra Fuchs / Paul Richter / Christoph Mundt / Wolfgang U. Eckart (Hgg.): Die nationalsozialistische "Euthanasie"-Aktion "T4" und ihre Opfer. Geschichte und ethische Konsequenzen für die Gegenwart, Paderborn 2010.
  5. Boris Böhm (Hg.): Vergessene Opfer der NS-"Euthanasie". Die Ermordung schlesischer Anstaltspatienten 1940–1945, Leipzig 2018; Robert Parzer / Maike Rotzoll / Dietmar Schulze: Die besetzte Anstalt. Die Psychiatrie in Kocborowo / Konradstein (Polen / Westpreußen) und ihre Opfer im Zweiten Weltkrieg, Köln 2019.
  6. Zur "Ahndung" der "Euthanasie" vgl. Dick de Mildt: NS-Tatkomplex Euthanasie. Die ost- und westdeutschen Strafurteile seit 1945, Amsterdam 2009; Edith Raim: Justiz zwischen Diktatur und Demokratie. Wiederaufbau und Ahndung von NS-Verbrechen in Westdeutschland 1945–1949, München 2013.
  7. Grundlegend Michael von Cranach / Hans-Ludwig Siemen (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, München 2012; speziell zu Erlangen vgl. Hans-Ludwig Siemen: Heil- und Pflegeanstalt Erlangen, in: Michael von Cranach / Hans-Ludwig Siemen 2012, S. 159–173. Vgl. auch Hans-Ludwig Siemen: Menschen blieben auf der Strecke … Psychiatrie zwischen Reform und Nationalsozialismus, Gütersloh 1987, S. 171–174. Für Neuendettelsau vgl. Christine-Ruth Müller / Hans-Ludwig Siemen: Warum sie sterben mußten. Leidensweg und Vernichtung von Behinderten aus den Neuendettelsauer Pflegeanstalten im "Dritten Reich", Neustadt an der Aisch 1991. Zum Krankenmord in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee vgl. aktuell Magdalene Heuvelmann: "Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen". "Geistliche Quellen" zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee, Irsee 2013. Zur Heil- und Pflegeanstalt Bayreuth vgl. Norbert Aas: Verlegt – dann vergast, vergiftet, verhungert. Die Kranken der Heil- und Pflegeanstalt Bayreuth in der Zeit der Zwangssterilisation und "Euthanasie", Bayreuth 2000; vgl. auch Thomas Schmelter: Nationalsozialistische Psychiatrie in Bayern. Die Räumung der Heil- und Pflegeanstalten, Würzburg 2000.
  8. Heinz Faulstich: Hungersterben in der Psychiatrie 1914–1949, Freiburg im Breisgau 1998. Vgl. zu Kaufbeuren Schulze, Dietmar: "Auch der 'Gnadentod' ist Mord": Der Augsburger Strafprozess über die NS-"Euthanasie"-Verbrechen in Kaufbeuren und Irsee, Irsee 2019; Gregor Babaryka: Der "Hungererlaß" des Bayerischen Staatsministeriums des Innern vom 30.11.1942 im historischen Kontext unter besonderer Berücksichtigung der Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll in Regensburg, Diss. München 2001.